Jens Großpietsch, Schulleiter der Heinrich-von-Stephan Gemeinschaftsschule in Berlin empfahl mir eine Reihe von pädagogischen Großtexten, darunter dicke Brocken wie ‘Ein pädagogisches Poem’ von Makarenko oder auf den ersten Blick nicht in die Sammlung passende, wie Berthold Brechts ‘Flüchtlingsgespräche’. Aus dem Stapel auf dem Nachttisch griff ich mir zuerst ein Buch, das leicht zu bewältigen schien, trotz seines ausschweifenden Titels: ‘Charlie, Eric und das ABC des Herzens. Außenseiter im Klassenzimmer’.

Mary MacCracken, Charlie, Eric und das ABC des Herzens

Mary MacCracken, Charlie, Eric und das ABC des Herzens. Außenseiter im Klassenzimmer. Frankfurt am Main: Fischer, 1993 (engl. Ausagbe erstm. ersch. 1986 unter dem Titel ‘Tournabout Children’)

Meine antiquarisch erworbene Ausgabe trägt auf der ersten Seite die handgeschriebene Notiz eines Vorbesitzers: „V. Schultheiss 1993“. Beinahe hätte ich das Buch zurückgelegt, herausgefordert von dem Gedanken, dass ich es hier mit einem veralteten, wenig bedeutenden Titel aus der zweiten Reihe zu tun haben könnte, geschrieben von einer Frau, von der ich nie zuvor etwas gehört hatte. Ich kann von Glück reden, dass ich diesem Impuls nicht gefolgt bin. Das Buch hat mich berührt.

Es geht in einzelnen Kapiteln um Joey, Eric, Ben, Alice und Charlie. Und um die frisch gebackene Erziehungswissenschaftlerin Mary, die sich auf Lernstörungen spezialisiert und ein kleines Nachhilfestudio für Kinder mit schlimmen Schulproblemen gründet („Das Herz meiner Praxis blieb die Therapie, die Nachhilfe, genau wie ich es mir wünschte. Helfen und heilen gehören für mich zusammen, daran glaube ich. Ich halte es nicht für möglich, eine Scheibe des Kinderkopfes abzuschneiden und nur zu versuchen, die Lesefähigkeit in Ordnung zu bringen. Ich bin der Überzeugung, dass die Lesefähigkeit entwickelt werden und dann in das Wesen des Kindes integriert werden muss.“ S. 98) Vielleicht liegt der Reiz dieser autobiographischen Episoden darin, dass neben die Verunsicherung der Kinder auch die Unsicherheit ihrer Lehrerin tritt, die mit ihren Interventionen selbst hadert, neugierig auf die nächsten Sitzungen wartet, sich vor Gesprächen mit den Eltern manchmal fürchtet, manchmal auch Grenzen überschreitet und damit an die eigenen gerät.

Im Mehrheit handelt es sich um Erfolgsgeschichten. Kinder zwischen ungefähr fünf und elf Jahren werden vorgestellt, die in der Schule schon aufgegeben wurden, die streckenweise oder vollumfänglich scheitern, deren Eltern verzweifelt und manchmal auch wütend auf ihren augenscheinlich lebensuntüchtigen Nachwuchs sind. Alle Kinder eint, dass sie sehr genau wissen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Alle haben sich einen traurigen Reim auf ihr Anderssein gemacht und immer einen, den sie nur mit geduldigem Zutun von Mary MacCracken ändern können. Bis auf einen Fall finden ihre Schüler schon innerhalb der Episoden zurück in ein gelingendes Schulleben und dabei auch zu einer tieferen Stabilität

Überrascht hat mich, auf welchen Spielfeldern die junge Pädagogin sich dafür bewegt. Es sind immer die Lehrer, die sie als Ressource einzubinden versucht, sei es durch Telephonate und Besuche im Unterricht. Das beginnt oft mit Widerständen, die zu überwinden man sich als Leser erst gar nicht erhofft und hinter denen sich fast immer eine hilfsbereite und bemühte Lehrperson zu erkennen gibt. Auch der Ort des improvisiert eingerichteten Lernstudios spielt eine große Rolle, dessen Unfertigkeit und fast schon Schäbigkeit MacCracken immer wieder betont und der genau daher den Kindern schnell vertraut und angenehm wird – vielleicht weil er so ungeordnet und wenig fertig ist wie die Kinder, die darin zu ihrer Lehrerin Vertrauen finden müssen.

Dem gegenüber stehen drei fast technokratisch anmutende Herangehensweisen: Kinder belohnen sich laufend für ihre Mühen und Erfolge mit Spielgeld, das sie zusammenzählen, sparen und später in Kleinigkeiten umtauschen können. Eine Erläuterung versöhnte mich mit dieser Praxis: „Ich sage es nicht laut, doch Chips können auch dabei helfen, daß ein Kind nicht zu mutlos wird. Die meisten Tests haben eine obere Grenze, und wenn ein Kind drei oder vier Fragen hintereinander nicht beantworten kann, ist der Test zu Ende. Im Verlauf einer einstündigen Untersuchung kann ein Kind ein dutzendmal oder mehr ‚versagen‘ – und die meisten Kinder, die zu mir kommen, sind aufgeweckt genug, um ihre Fehler zu erkennen. Schultern sacken zusammen, Köpfe senken sich. Doch wenn ich am Ende jedes Tages die Antworten in Fünfern und Zehnern zusammenzähle und noch fünfzig oder so dazurechne und etwa sage: ‚Zahl Dir einhundertfünfundachtzig aus‘, richten sich die Schultern auf, und Köpfe heben sich in die Höhe wie Blumen nach einem Sommerregen.“ (S. 23) Das Zitat führt zum zweiten, eher technischen Aspekt: MacCracken testet viel. Sie misst und rechnet und ermittelt gewissenhaft die Leistungsdefizite und -stärke ihrer Schüler. So wird die Lektüre auch ein Überblick über die zur damaligen Zeit üblichen Methoden zur Analyse von Rechen- und Rechtschreibschwäche, von Schwierigkeiten des analytischen Denkens usw.

Das zentrale Motiv aller Episoden ist aber, und das macht das Buch zu einer so fesselnden Lektüre, dass jedes Kind von zuhause seine Geschichte mitbringt, die der Lehrerin lange verborgen bleibt. Sie ist der Schlüssel, einen Zugang zu den Schwierigkeiten der Kinder zu finden, sofern das Kind nicht wie im Fall von Eric vorzeitig von der Mutter aus MacCrackens Betreuung herausgerissen wird, weil die Mutter die grässlichen Zustände ihrer Ehe nicht mehr zu ertragen weiß. Jeder dieser familiären Hintergründe wird vorübergehend zum zentralen Thema: Joey glaubt für den Tod seines Großvaters verantwortlich zu sein und in seiner kindlichen Perspektive ist er davon kaum loszubringen. Bens Vater widersetzt sich vehement der Nachhilfe, bis irgendwann deutlich wird, dass dieser selbst als erfolgreicher Geschäftsmann nicht lesen und schreiben kann und seinen Sohn in diesen Dingen schon lange so aufgegeben hat, wie sich selbst. Im Falle von Alice ist es die zerbrochene Ehe, in die sich einzumischen die Nachhilfelehrerin irgendwann wagt, um ihrer Schülerin zu helfen. Und Charlie hatte einen zauberhaften, älteren Bruder gehabt, der durch einen Unfall gestorben war und dessen Vater sich nie dem übriggebliebenen, dem ‚lernbehinderten‘ zuwenden konnte. Fesselnd, manchmal auch ein wenig klischeehaft sind diese Auflösungen. Lehrreich sind die vielen Wege, wie die Lehrerin nach ihnen sucht, um endlich ihren Schülern helfen zu können.

MacCrackens Haltung ist gegenüber den Kindern warmherzig, neugierig und zugleich fordernd und anspruchsvoll. Sie findet Sicherheit in einem tiefen sachlichen Verständnis für Lernstörungen, deren Diagnose und geduldige Behandlung. Verachtung oder zumindest Geringschätzung gegenüber Lehrern, Eltern und Ärzten leugnet sie nicht, auch wenn mit dem Verstehen sich diese Bewertung meist ändert. So wird auch an keiner Stelle angenommen, dass etwa ein Lehrer die Aufmerksamkeit für den einzelnen Schüler aufbringen müsste, wie sie die junge Nachhilfelehrerin im Laufe der Therapien entwickelt. Und so beschlich mich bei der Lektüre auch nie der Gedanke, dass von Lehrern mit Blick auf die vielen Schüler, denen sie sich laufend zuwenden müssen, gleiches zu erwarten wäre.


PS: Einen Wikipedia-Eintrag gibt es für Mary MacCracken nicht. Mittlerweile weiß ich, dass sie etwa in den USA als Bestsellerautorin gilt, mit Titeln wie ‚A Circle of Children‘, ‚City Kid‘ und ‚Lovey: A Very Special Child‘ , das wie ‚Charlie Eric und das ABC des Herzens‘ (Original: ‚Turnabout Children: Overcoming Dyslexia and Other Learning Disabilities‘,) in deutscher Fassung bei Fischer erschien. Leslie Michelle Touw widmet ihr auf ihrem Blog einen kleinen Beitrag.