Postheroischer Unterricht

Beiträge zur Entwicklung von Schule und Unterricht

Medienvielfalt im Bildungsbereich – Interview mit dem Europolitan

Der Europolitan, eine Alumni-Zeitschrift des ESB Reutlingen interviewte mich zur Entwicklung der Medienvielfalt in deutschen Schulen und die Folgen für Verlage

Europolitan: Heute werden viele Inhalte kostenfrei im Internet zur Verfügung gestellt. Wie kann man dann noch als Verlag Geld verdienen?

Ich befürchte, dass keine Branche vor Disruption gefeit ist, wenn digitale Angebote die Spielregeln ändern – etwa wenn der eine kostenlos bereitstellt, das der andere gegen Geld verkaufen muss. In unserem Fall ist das Spiel noch ohne Ausgang. Zwei Dinge sollten unsere Chancen erhöhen: Wir bieten relevantere Inhalte für unsere Kunden und sind darin unübertroffen gut. Und: Inhalte sind nicht ohne (technologischen) Kontext zu denken, in den sie eingebettet sind. Smarte digitale Lernumgebungen, mächtige Suchmaschinen usw. steigern den Wert von Inhalten. Damit können wir einen Unterschied machen.

Europolitan: Welche wesentlichen Einflussfaktoren sehen Sie für die Zukunft?

Nur eine kleine Auswahl: Computer und Tablet in Schülerhand erforderen neue Unterrichtskonzepte und wie manche meinen eine neue Lernkultur. Unsere Klassen werden heterogener werden, Lehrer brauchen Unterstützung und Konzepte um individuell zu fördern, ohne sich zu überlasten. Bildung wird immer mehr ein Spielball in der politischen Auseinandersetzung, auch zwischen unterschiedlichsten Einflussgruppen jenseits der Parteienlandschaft – man denke nur an die Auseinandersetzungen um die Behandlung von sexueller Vielfalt in Baden-Württembergischen Schulen. Das setzt alle Beteiligten mächtig unter Druck. Zudem sehen wir europaweit den Trend, den Markt der Bildungsmedienanbieter zu zentralisieren. Dann urteilen nicht mehr Lehrer über die Qualität unserer Angebote, sondern Behörden oder eingesetzte Auswahlgremien. Diese bringen oftmals viele Gesichtspunkte in die Beurteilung ein, die mit gutem Unterricht nichts zu tun haben. Zuletzt: Langfristig wird die Schülerschaft zumindest in Deutschland weiter schrumpfen, noch mehr Schulen werden geschlossen werden, was ich besonders trostlos finde.

Europolitan: Inhalte interessant zu vermitteln ist nicht leicht. Was sind Ihrer Meinung nach die ausschlaggebenden Faktoren, um Inhalte zu vermitteln?

Ich nenne drei: Beziehung: Eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, getragen von dem beidseitigen Gefühl, einander nicht gleichgültig zu sein. Wo das erreicht ist, geht alles leichter. Neugier: Die individuellen Interessen der Schüler sind ein guter Ansatzpunkt, ihre Neugier zu wecken. Und die Neugier ist der beste Verbündete des Lehrers. Relevanz: Es mag nicht bei jedem Sujet möglich sein, das zu vermitteln, aber alles Lernen fällt auf Grundlage der konkreten Erfahrung leichter, dass das Gelernte sogleich Türen öffnet, die bislang verschlossen waren. Beim Sprachenlernen kann man diese Erfahrung ziemlich schnell machen, wenn man Gelegenheit dazu bekommt. Das bedeutet auch, dass der Medieneinsatz damit’s kracht und stinkt, hilfreich sein mag, aber eben nur hilfreich ist. Die vorgenannten Aspekte halte ich für grundlegend.

Europolitan: Gibt es Unterschiede zwischen Lerntypen und der Neigung zu einem bestimmten Medium? Macht ein Medium für einen Lerntypen mehr Sinn als für einen anderen?

Die Theorien und ihre empirischen Untersuchungen zu dieser Frage sind ungezählt. Vermutlich ist jeder gut beraten, laufend zu prüfen, was es für ihn braucht, damit er sich etwas gut einprägen, für sich erschließen kann, um es in ganz anderen Kontexten wieder anzuwenden. Ist es das Hören, das visuelle Aufnehmen, das bewusste Bilden von Imaginationen, das schriftliche Zusammenfassen oder doch das Reden, das im Kopf Platz für neue Gedanken schafft? Müssen sinnliche Erfahrungen eventuell kombiniert werden? Mit diesen Fragen verbindet sich die weitere, ob ich lieber lese, höre, Videos anschaue, Lernspiele spiele oder mit anderen kollaboriere und was ich damit jeweils erreiche. Ein Unterricht, der auf Medienvielfalt setzt, eröffnet Schülern, sich hier besser zu verstehen und den eigenen Neigungen bewusst nachzugehen. Und manche Lehrer testen ihre Schüler regelrecht auf diese Neigungen hin, um sich selbst und den Schützlingen das Leben leichter zu machen.

Europolitan: Gibt es Medien, die für bestimmte Inhalte besser geeignet sind?

Wirklich überraschendes ist mir nicht bekannt. Es gibt nachvollziehbare Gründe, warum Whiteboards meist in Biologie- oder Physikräumen stehen. Medien zur Visualisierung helfen natürlich, sich abstrakte Sachverhalte klar zu machen. Ich vermute aber, dass langfristig Medienvielfalt beim Lehren und beim Lernen Normalität werden wird, weil sie beides leichter, schneller, lustvoller machen kann.

Europolitan: Hat sich unser Lernverhalten in den letzten 10 Jahren verändert? Wie?

Man müsste hier zunächst zurückfragen, um wessen Lernverhalten es geht. Ich kann halbwegs darüber sprechen, was in der Schule passiert. Und hier gibt es sehr unterschiedliche Trends. Es ist gut möglich, dass ‘teaching-to-the-test’ in Deutschland wichtiger geworden ist, also das gezielte Sich-Aufladen mit Wissen für begrenzte Zeit. Andererseits sehe ich auch unzählige Versuche engagierter Lehrerinnen und Lehrer, ihren Schülern Freiräume für ganz eigene Lernwege zu eröffnen, oder Unterrichtsinhalte für die Lebenswelt der Schüler relevanter zu machen. Ich meine, dass hier in den letzten 10 Jahren viel passiert ist und ich sehe es auch an der wachsenden Nachfrage nach wirklich phantasievollen und aufregenden Unterrichtskonzepten.

Europolitan: Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf Ihren Bereich bei Klett?

Ich kann nur für die Fachinformationsverlage der Klett-Gruppe sprechen. Hier bin ich sicher, dass wir sehr eng an Schule und Kindergarten heranrücken müssen, damit uns keine Veränderung entgeht. Denn der Wandel in der Schule beschleunigt sich. Wir stellen uns mit unseren Angeboten auf unterschiedliche Lerntypen ein, bieten Lehrern Unterrichtsideen und -konzepte, die auf die wachsende Heterogenität in ihren Lerngruppen zugeschnitten sind und bedienen die Medien, die sie sich für ihren Unterricht wünschen. Das heißt allerdings auch, dass wir bei sinkenden Budgets immer mehr für unsere Kunden leisten müssen.

Europolitan: Machen moderne Medien den Lernprozess leichter oder schwerer?

Ob die kostbare soziale Situation des Unterrichts so viel von digitalen Medien profitieren wird, da bin ich mir nicht ganz sicher. Aber was das Lernen jenseits des Unterrichts anbelangt, habe ich keinen Zweifel: In sehr vielen Fällen werden die Vorteile überwiegen, in manchen können wir uns ja heute schon ein digitales Helferlein kaum noch wegdenken, etwa wenn es ums Nachschlagen geht.

Europolitan: Herr Klett, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

(das Interview erschien in der Ausgabe 3/2015 des Europolitan in einer leicht erweiterten Fassung)

1 Comment

  1. Die Sehnsucht nach Helden ist auch im postheroischen Zeitalter nicht verschwunden. Wenn wir die Rolle der Lehrkräfte in der modernen Welt neu definieren, dann sind und bleiben unsere Lehrerinnen und Lehrer weiterhin der Core der Gesellschaft.

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