Als Beitrag für ein OER-Themenheft wünschte sich die Zeitschrift ‘Computer + Unterricht’ ein Streitgespräch zwischen einem OER-Befürworter und einem Verlagsvertreter. Jöran Muuß-Merholz und ich machten uns bereit, zu streiten.

C+U: Herr Dr. Klett, Herr Muuß-Merholz, es freut mich, dass Sie sich zu diesem Online-Interview bereitgefunden haben. Der Begriff „Open Educational Resources“ (OER) scheint sich in den letzten Jahren vor allem an den Hochschulen und in Lehrerkreisen zu verbreiten. Dabei ist nicht immer ganz klar, was eigentlich unter OER zu verstehen ist. Geben Sie doch bitte eine kurze Definition von OER aus Ihrer Sicht bzw. beschreiben Sie, was OER sein könnten/ sein sollten.

Muuß-Merholz: Der Begriff ist tatsächlich nicht scharf definiert. Insbesondere die Frage nach dem „o“, also nach der Offenheit wird häufig diskutiert. Wichtig ist, dass das „open“ keineswegs auf den Faktor „Kostenfreiheit“ reduziert wird, sondern dahinter die Idee der Wikipedia steckt: Jeder Mensch kann die Inhalte für beliebige Zwecke weiterverwenden, miteinander kombinieren und auch verändern, ja sogar veränderte Versionen weitergeben. Im Englischen ist das begrifflich sehr schön gefasst: OER erlaubt reuse, revise, remix und redistribute.

Klett: Wenn es um OER geht, wird es oft juristisch. Auf der OER-Konferenz in Köln im September war der Vortrag eines Juristen der bestbesuchte. Auf den zweiten Blick ist das auch klar: Wenn Menschen Inhalte (oft mit viel Mühe, Zeit- und Geldaufwand) entwickeln, müssen sie strenggenommen erst explizit erlauben, dass andere diese weiterverarbeiten. Das geschieht eben über die Ver- öffentlichung unter freier Lizenz. Die Engführung auf Lizenzfragen lenkt aber ab: Ich wette, dass schon in den Winkelschulen des 18. Jahrhunderts Lehrer Unterrichtsideen mit anderen geteilt haben. An jeder Schule werden selbst entwickelte Arbeitsblätter, Verlaufsplanungen etc. geteilt. Und wer sie teilt, weiß einfach, dass ein anderer recht ungehemmt damit weiterarbeitet. Das sehe ich ebenfalls als OER an, auch wenn kein „CC BY-SA 3.0 DE“ darunter steht. Zudem heißt es ja „resources“, nicht „content“: Warum sollen nicht Google Apps, eine Dropbox, ein Twitter-Hashtag oder eine Facebook-Gruppe eine Offene Ressource sein, wenn Lehrer und Schüler mit dieser locker, fantasievoll und ohne spürbare Begrenzungen arbeiten?

Muuß-Merholz: Die Begrenzungen spürt man sehr schnell. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer wissen sehr wohl, dass sie sich da rechtlich auf dünnem Eis bewegen. Nicht zuletzt deswegen findet eine kollegiale Zusammenarbeit in Sachen Materialien in Schulen (oder gar darüber hinaus) ja häufig noch sehr zurückhaltend statt. Mit der digitalen Ebene wird zwar technisch mehr möglich – aber auch rechtlich mehr verboten. Es gibt ja die „Informationsbroschüren“ zum Urheberrecht in der Schule, die vom Verband Bildungsmedien flächendeckend in die Schulen geschickt worden sind. Ein Schulleiter sagte kürzlich auf einer Veranstaltung dazu: „Diese Broschüren sind dazu da, meine Lehrer einzuschüchtern! Das sind Maßnahmen zur Zusammenarbeitsverhinderung!“

Klett: Lehrer tauschen selbsterstelltes Unterrichtsmaterial an jeder Schule. Wenn es einzelne nicht tun, gibt es da viele Gründe. Auf einer OER-Veranstaltung etwa sagte kürzlich ein Lehrer: „Was passiert, wenn man einem an- deren Lehrer ein Arbeitsblatt überlässt? Man bekommt es korrigiert zurück!“ Zudem: Wenn Lehrer selbst Urheber dieser Inhalte sind, dann ist da kein dünnes Eis. Von dünnem Eis würde ich ohnehin nur reden, wenn einem laufend die Abmahnung drohte, obwohl man reinen Gewissens handelte. Aber mal ernsthaft: Wie viele Lehrer werden jährlich wegen Urheberrechtsverletzungen im Klassenraum abgemahnt oder angezeigt? Solche Fälle gibt es bestimmt, ich kenne keinen. Manchmal habe ich das Gefühl, der Debatte um OER soll durch den Verweis auf diverse Horrorszenarien zusätzlich Schwung gegeben werden. Vielleicht ließe sich das auch erreichen, wenn man stärker über den Zusammenhang von OER und gelingendem Unterricht spräche.

C+U: In meiner Wahrnehmung wird „OER“ im deutschsprachigen Raum aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet. Man nähert sich idealistisch, juristisch-urheberrechtlich, didaktisch-methodisch und/oder ökonomisch. Herr Muuß- Merholz hat soeben auch organisationale Aspekte angesprochen. Kürzlich las ich einen Artikel, der mit dem Begriff der „OER-Bewegung“ arbeitete und soziologisch argu- mentierte. Sehen Sie in dieser Matrix der Verwendungen ei- nen Ort für die Verlage? Können traditionelles Verlagswesen und die Entwicklung Offener Bildungsressourcen aus ihrer Sicht irgendwie zusammen gedacht werden?

Klett: Wenn Sie schon nach traditionellem Verlagswesen fragen, müsste man vorwegschicken, was das sein könnte. Mit Blick auf die Tradition stelle ich mir darunter eine Unternehmung vor, die weitgehend das Absatzrisiko trägt. Der Verlag muss also mehrere riskante Entscheidungen treffen wie: Was zahle ich meinen Autoren, wie viel Ressourcen stecke ich selbst in die Entwicklung und in die Vermarktung, welchen Preis verlange ich, wie viele Stück lasse ich produzieren? Dieses traditionelle Modell scheint mir der Idee Offener Bildungsressourcen aus Verlagshand zu widersprechen – außer der Verlag wird mit der Erstellung auf einen Schlag für seine Leistung bezahlt. Dann würde ich das aber nicht mehr Verlag, sondern Agentur nennen. Auch wenn ich hier große Probleme sehe, ist damit eine Variante genannt, in der das heutige Verlags- wesen und OER zusammenkommen: Verlagsagenturen bringen im Auftrag von Stiftungen, Vereinen oder Behörden Inhalte unter freier Lizenz heraus. Eine andere Form könnte sein, dass Verlage um eigene Entwicklungen und OER herum komplexe Dienstleistungen anbieten. Man denke etwa an spezialisierte Suchmaschinen, das Ordnen zu didaktischen Progressionen und in Kompetenzraster, die Einbettung in Lern- und Diagnosesysteme. Die Verlagsleistung liegt dann eben auch im medialen Kontext, in dem Inhalte bereitgestellt und genutzt werden. Woran ich übrigens nicht glaube, ist der Verlag als Qualitätssicherer und Zertifizierer. Man nennt das allenthalben als Rolle, die uns in der zukünftigen freien Bildungswelt gnädig zugedacht sein soll. Wer sich das so vorstellt, weiß einfach nicht, wie tief Bildungsunternehmen mit der Wertschöpfung ihrer Produkte verwoben sind. Die Zeiten, in denen Autoren das fertige Manuskript zur Prüfung eingereicht haben, sind in unserer Branche weitgehend vorbei. Autoren, Redakteure, interne und externe Grafiker, die Verwertungsgesellschaften und viele mehr bilden heute Urhebergemeinschaften für die Erstellung komplexer Produkte und Programmreihen. Die Qualitätssicherung ist da nur ein kleiner Baustein.

Muuß-Merholz: Ich sehe, zumindest auf mittlere Sicht, die gern propagierte neue Rolle des „Kuratierens“ auch nicht im Vordergrund. Mike Caulfield hat es vor einigen Monaten auf den Punkt gebracht: „Production is sexy. Reuse is not.“ Die Möglichkeit zur Weiterverwendung von OER wird im größeren Maßstab bisher vor allem theoretisch postuliert und so gut wie gar nicht praktisch genutzt.

C+U: Zum Abschluss die Bitte um eine kleine Prognose: Wo stellen Sie sich Schule, Unterricht, Unterrichtsmedien und Unterrichtstechnologie in 10 bis 15 Jahren vor?

Muuß-Merholz: Ich halte schon eine Prognose für nur fünf Jahre für schwierig. In Sachen Digitalisierung des Unter- richts stehen wir vor einer Weggabelung. Es gibt zwei mögliche Wege, die ganz unterschiedlichen pädagogischen Grundsätzen folgen. Entweder die digitalen Inhalte, Werkzeuge und Plattformen werden als Lehrtechnologie eingesetzt, mit der die Lernenden quasi trainiert werden und mit der jeder Schritt im System verfolgt und optimiert wird. Hierfür ist ein geschlossenes und von zentraler Stelle kontrolliertes System mit den entsprechenden Inhalten optimal. Dem gegenüber steht die Idee, dass die digitalen Medien weniger zum optimierten Lehren und mehr für das – im Wortsinne – kreative Lernen genutzt werden. Hier geht es um eigenständige Recherche von Inhalten, um die aktive Zusammenarbeit mit anderen Lernenden und um die Bearbeitung und Neuerstellung von Inhalten. Hier liegt es auf der Hand, dass es eine entsprechende Offenheit von Materialien braucht.

Klett: Ich muss mich dieser Einschätzung anschließen. Je größer der Zeithorizont ist, desto unschlüssiger bin ich mir. Vielleicht sollte man es über einen Ausschluss versuchen: Ich glaube nicht daran, dass in Deutschland auf lange Sicht der Computer zum ersten Pädagogen wird, wie ihn etwa das israelische Technologieunternehmen Time-to-Know bauen will. Dafür wissen wir einfach zu viel über die Rolle der unvermittelten Interaktion zwischen Lehrern und Schülern sowie zwischen Schülern und Schülern für gelingende Unterrichtsprozesse. Was doch mit besten Gründen versucht wird, ist, die Arbeit in Gruppen, die intensive Auseinandersetzung und Diskussion, das Erleben mit allen Sinnen zu stärken. Immer mehr Lehrer versuchen, an die Interessen und Begabungen des einzelnen Schülers anzuknüpfen, um seine Neugierde für ein Fach zu wecken. Und das sind auch die Bedingungen, die immer mehr Eltern für ihre Kinder erwarten. Wo digitale Medien helfen, diese Entwicklungen zu unterstützen, werden sie sich in den nächsten Jahren auch durchsetzen. So bin ich der festen Überzeugung, dass sich das Smartphonezumindest in der Sekundarstufe als das unvermeidliche Hilfsmittel zum Üben, Vertiefen und für eine ausgeklügelte Leistungsdiagnostik durchsetzen wird – weniger im Klassenraum, aber in den Pausen, auf dem Schulweg, zu Hause. Denn auf diese Weise wird Raum und Zeit für intensivere Auseinandersetzung im Unterricht geschaffen. Und wo Medien co-konstruktive Prozesse tragen und produktiver machen, werden Lehrer und Schüler auch darauf zurückgreifen und sich diese Möglichkeiten nicht mehr nehmen lassen.

C+U: Herr Dr. Klett, Herr Muuß-Merholz, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Das Gespräch führte Alexander König

Jöran Muuß-Merholz ist Diplom-Pädagoge, Schwerpunkt „Bildungsorganisation“. Er arbeitet in diesem Bereich als Autor, Dozent und Berater, wobei er sich u. a. mit der Frage beschäftigt: „Was verändert sich, wenn Bildungswelt und digitale Welt aufeinandertreffen – z.B. bei Lehr-Lern-Materialien und dem Internet?“