Postheroischer Unterricht

Beiträge zur Entwicklung von Schule und Unterricht

OER, Verlage und zentrale Ausschreibungen – Warum Verlage nicht OER aber die öffentlich-rechtliche Medienversorgung fürchten

OER bieten Chancen. Sie machen das Lehrerleben leichter, können die Vielfalt steigern, wie in Klassenzimmern Schüler gefördert und unterrichtet werden. Sie bergen auch Risiken. Wo mit zentralen Ausschreibungen über die Entwicklung von Bildungsmedien entschieden wird, wählt nicht mehr die Fachkonferenz oder der einzelne Lehrer. Anbieter ringen dann nicht um die Gunst der Lehrkräfte, sondern müssen mit Antragslyrik und Connections bei Projektträgern bestechen. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen (wie man in vielen Ländern Osteuropas sehen kann).

OER sind vermutlich so alt wie die Schule selbst. Lehrer haben schon immer Unterrichtsideen, Verlaufspläne, Übungsmaterial oder tiefere pädagogische Reflexionen geteilt. Andere haben sie aufgegriffen, weiterverarbeitet und ihrerseits verbreitet. Das war und ist schulische Realität. Diese Realität ist vielfältig und die Angebote an Bildungsmedien sind es auch: Neben das Schulbuch und seine unzähligen Kranzprodukte in zig verschiedenen Medienformen treten Fachzeitschriften, Loseblattwerke, Fachbücher, Downloadportale, digitale Tafelbilder, Workflowsoftware usw. Beigebracht werden sie von Verlagen, Stiftungen, Vereinen, Behörden und dem einzelnen Lehrer. Kein einzelner Anbieter kann alle Aufgaben erfüllen, die sich mit Bildungsmedien lösen lassen. Es kommt also auf Vielfalt an. Und OER sind ein Teil dieser Vielfalt. OER sind eine Inspiration für Bildungsmedien unter anderen Lizenzformen und umgekehrt. Zusammen bilden sie die Vielfalt, die unser Bildungssystem braucht.


 

Siehe zu diesem Beitrag auch mein Interview mit Jöran Muuß-Merholz für die BPB.

Siehe zu diesem Beitrag auch mein Interview mit Jöran Muuß-Merholz für die BPB.


 

Das Problem liegt nicht bei den OER selbst, es kommt aus einer andere Richtung: Etwa sagt Leonhard Dobusch im Gespräch mit der Bundeszentrale für politische Bildung „Das Hauptproblem ist, dass die Finanzierung von Lehr- und Lernmitteln an Schulen stark auf den Ankauf von Schulbüchern ausgelegt ist. Eine Vorfinanzierung oder Ausschreibung von OER-Lernmitteln ist einfach nicht vorgesehen. Deshalb sind Bildungsmaterialien im Schulbereich zwar größtenteils öffentlich oder über Elternbeiträge finanziert, die Unterlagen deshalb aber noch lange nicht offen zugänglich. Hier gilt es, die Finanzierung von OER mit ohnehin vorhandenen Geldern zu ermöglichen […].“ Oder in einer Stellungnahme von Wikimedia an die KMK heißt es: “Im Falle von OER würde der Wettbewerb durch offene Plattformen und Ausschreibungen sicher gestellt.“ Das stimmt insofern, dass es Wettbewerb gäbe aber eben nicht um die Gunst des einzelnen Lehrers sondern um die Gunst von Behörden, Jurys und Gremien, deren Besetzung immer politisch ist. Da kommen dann Kriterien ins Spiel, die mit besserem Unterricht nichts zu tun haben: Parteizugehörigkeit, Konfession, Gemeinnützigkeit, regionale Verwurzelung. Wer das nicht glaubt, muss sich nur über den neuen “parteiübergreifenden Konsens” zur Förderung von OER in Berlin informieren: „Dabei ist die Einbeziehung regional ansässiger Unternehmen und bereits bestehender öffentlich geförderter Institutionen ebenso von Schulbuchverlagen sowie Bildungsträgern und -einrichtungen darzustellen.“ Als Lehrer würde ich mich fragen, warum im Himmels Willen das Kriterium „öffentlich geförderte Institution“ oder regionale Ansässigkeit irgendwas damit zu tun hat, ob ich die bestmöglichen Medien bekomme. Das tiefere Problem liegt darin, dass keine Kommission der Welt sagen kann, was ein wirklich gutes Bildungsmedium ist. Kein Verlag weiß, welches seiner Produkte floppen wird, bevor die Marktantwort nicht da ist. Die können nur die Lehrer geben, indem sie ihre knappen Budgets oder das eigene, sauer verdiente Geld für das Produkt ausgeben, von dem sie sich am meisten versprechen. Und wer hier seine Leistungsversprechen nicht hält, der wird bestraft. Das spornt an. Und das sorgt für gute und günstige Bildungsmedien in der Schule.

Wenn neben den öffentlich-rechtlichen Rundfunk die öffentlich-rechtliche Bildungsmedienversorgung tritt, dann wird das nicht für Vielfalt, sondern für Einfalt sorgen. Ein Punkt, auf den übrigens auch Frank de Langen von der Open University of the Netherlands hinweist, wenn er danach fragt, wer prinzipiell entscheidet: die User oder die Bürokraten? Und wer sich dann ansehen will, wie weit diese Verarmung geht, muss nur nach Osteuropa blicken.

Zusammengefasst: Die Gefahr verbindet sich weniger mit der Idee der Medien unter freier Lizenz. Sie liegt in Akteuren, die mit einer zentralen Finanzierungsentscheidung für Lehrer festlegen, welche Medien diese im Unterricht einsetzen sollen. Und vermutlich werden da selbst die vielen “geremixten” und “geshareten” Anpassungen von fleißigen Lehrern nicht viel helfen, mit denen sie die an ihren Bedürfnissen vorbeientwickelten Medien wieder für ihren Unterricht fruchtbar machen.

Der Text ist eine leicht überarbeitete und erweiterte Eingabe für einen Vortrag auf der Wikimedia OER-Konferenz 2014

 

 

 

7 Comments

  1. Alexander Sperl

    29. Juli 2014 at 9:17

    Guter Einwurf! Ich hätte nur einen kleinen Hinweis auf einen seltsam formulierten Satz: “Ein Punkt, auf den übrigens auch Frank de Langen von der Open University of the Netherlands hinweist, wenn er fragt er entscheidet: die User müssen oder die Bürokraten?” Da ist wohl was schief gelaufen…

  2. Zusammengefasst: Die Gefahr verbindet sich weniger mit der Idee der Medien unter freier Lizenz. Sie liegt in Akteuren, die mit einer zentralen Finanzierungsentscheidung für Lehrer festlegen, welche Medien diese im Unterricht einsetzen sollen.

    Hm. Wer stellt heute die Versorgung mit Unterrichtsmaterialien “sicher”? Zu einem erheblichen Prozentsatz ein Oligopol von Schulbuchverlagen, die natürlich politisch vollkommen unbeeinflussbar und neutral sind, d.h. in dieser “Gefahr” leben wir schon einige Zeit.
    Deswegen ist es m.E. verständlich, dass Verlage aus Eigeninteresse vor OER warnen müssen, obwohl es quantitativ noch überhaupt keine Bedrohung darstellen kann.
    Ich als Lehrer habe Verlagsmaterial glücklicherweise weitgehend überwunden und setze Schulbücher kaum noch ein.

    • David Klett

      8. September 2014 at 15:02

      Haben Sie Dank für Ihren Kommentar. Ich denke, dass Sie auf einen Aspekt meines Textes abstellen, den ich höchstens am Rande meine: die politische Einflussnahme durch zentrale Ausschreibungen. Mir ging es um einen anderen Punkt, nämlich was mit der Qualität von Bildungsmedien geschieht, wenn sie zentral ausgeschrieben werden, egal ob OER oder nicht. Wenn Sie übrigens Beispiele der unbotmäßigen politischen Einflussnahme von Verlagen kennen, würden mich diese sehr interessieren. Nicht weil ich das kategorisch ausschließe, eher weil ich mir das gerne konkret ansehen würde.

  3. Es ist schon richtig, dass am Ende der Markt, also die Entscheidung der Lehrkräfte bzw. der Fachschaften dafür sorgt, von welchen Schulbücher wieviele Exemplare gedruckt und gekauft werden. Die Zulassung und das “Go” für die Produktion von Schulbüchern und damit auch die Qualitätskontrolle liegt aber durchaus in der Hand von staatlichen Kommissionen, oder? Und ich unterstelle aus der Praxis heraus, dass Millionen von zugelassenen Schulbüchern zwar angeschafft, aber nicht eingesetzt werden, weil Lehrkräfte sie am Ende doch nicht für brauchbar halten.

    Die Ausschreibung von OER würde auch nichts anderes bewirken: Die Erzeugung qualitätsgeprüfter Lehr- und Lernmaterialien, die Lehrkräfte einsetzen können … oder auch nicht. Allerdings unter freien Lizenzen, so dass eben auch etwas Neues daraus entstehen kann.

    • David Klett

      20. November 2014 at 10:04

      Hab’ Dank für Deinen Kommentar. Ich bin zwar kein Schulbuchmann, soweit ich mich aber auskenne, ist Dein Bild nicht richtig:
      1. Bildungsmedienverlage entwickeln und produzieren Produkte auf eigenes Risiko. Das heißt, dass wenn die Angebote nicht angenommen werden, bleiben sie auf ihren Entwicklungs- und Druckkosten sitzen. Und dass das laufend passiert, zeigt ein Blick in die Bilanzen der Anbieter. Die Anschaffung steht am Ende der Kette. Dass erst bestellt und dann entwickelt und gedrucht wird, gibt es nur in der Welt staatlicher Zentralbeschaffung.
      2. Soweit ich das überblicke (siehe etwa das aktelle OER-Whitepaper von Jöran dazu), bedeutet die Zulassung nur in den wenigsten Ländern einen gestalterischen Eingriff in die Werke. In manchen gibt es sie gar nicht, in anderen ist sie eine Formalie, in anderen zielt sie höchstens auf grobe Verstöße gegen die weltanschauliche Neutralität und dann gibt es insbesondere Bayern, das sehr genau prüft. Zusammengefasst kann man wohl sagen, dass eine Zulassung keine Garantien bringt, dass man auch nur ein Produkt verkauft.
      3. Diese Unterstellung mit den Millionen von ungenutzten Büchern kann einfach nicht richtig sein. Ich selbt biete ja nur ergänzende oder alternative Produkte zu klassischen Lehrwerksfamilien an und dafür machen wir immer wieder repräsentative Umfragen zur Nutzung über alle Schularten hinweg. Unangefochten stehen auf Platz 1 von 15 Lehrressourcen die großen Lehrwerksfamilien. Ich glaube auch, dass Dein Bild von den Lehrern da nicht ganz richtig sein kann. Die Budgets sind knapp und Lehrer sind sehr sorgfältig und gewissenhaft bei der Anschaffung. Es braucht dafür Besprechungen, tausende Schulungen, hunderttausende Prüfexemplare, Besuche auf Messen und in Showrooms, bis eingeführt wird. Dass angeschafft wird, was am Ende der Lehrer nicht für brauchbar hält, wird vorkommen aber bestimmt nie die Regel sein. Wenn natürlich wie in Deutschland pro Schüler und Jahr nicht mehr als 48 Euro für Bildungsmedien ausgegeben werden, muss man auf das billigste Medium gehen. Und das ist eben noch das bedruckte Papier, das man zwischen 7 und 10 Jahren ausleiht. Dass Lehrer und Schüler das irgendwann als abgenudelt und nicht zeitgemäß empfinden, kann ich nachvollziehen. Das aber wiederum den Verlagen vorzuwerfen, fände ich nicht sachgerecht.
      4. Die Ausschreibung von OER wird in meinen Augen nur bewirken, dass Anbieter nicht im Wettbewerb um die Gunst der Lehrer kämpfen müssen, sondern um die Gunst von ausschreibenden Behörden und Projektträgern. Wer sich einmal um BMBF- oder Erasmus-Mittel bemüht hat, weiß dass es dann auf ganz andere Dinge ankommt. Ich bin gespannt, wir ihr die 2 Mio. Bundesmittel verteilt und was dabei herauskommt. Ich würde mich wohler fühlen, wenn es auch ein politisches Interesse daran gäbe, zu erkennen und zu benennen, wenn am Ende das Geld verpufft, so wie das in dutzenden anderen Fällen passiert ist, wenn die öffentliche Hand Bildungsmedienunternehmer sein will. Aber das gibt es leider nie – außer beim Rechnungshof.

      Wenn Du mich fragst, glaube ich nicht, dass das Merkmal “freie Lizenz” den Medieneinsatz und die Medienkompetenz in Schulen wirklich voranbringen wird. Wie sogar Dirk Van Damme auf dem Wikimedia-Kongress in Berlin selber sagte, handelt es sich dabei in “90%” der Fälle um klassischste Unterrichtsmaterialien, die man halt editieren und weitergeben kann. Medieneinsatz in Schulen braucht aber nicht nur Content sondern Software. Komplexe Anwendungen, die auf der Höhe der Zeit sind, weiterentwickelt werden und mächtig in ihrer Funktionsweise sind. Es gibt Gründe warum André Spang mit iPads und den Anwendungen von Apple und anderer kommerzieller Anbieter arbeitet!

      Wenn schon staatliche Förderung, dann würde ich es wie in Dänemark machen, das als kleines Land ca. 67 Mio. extra in IT in öffentlichen Schulen investiert und 50% davon in digitale Bildungsmedien. Die Schulen müssen ihr eigenes Budget einsetzen, können sich dann bei der Anschaffung von digitalen Ressourcen einen erklecklichen Teil zurückerstatten lassen. Das hat den Schulbetrieb in Dänemark verändert und alte und neue Bildungsmedienanbieter richtig auf Trap gebracht. Der Wettbewerb hat viele neue Player ins Spiel gebracht und das Programm läuft noch mindestens bis 2017. Oder man gibt erst einmal wie im Projekt http://teacherwallets.org/ einer Auswahl von Schulen die Mittel, an Digitalen Ressourcen anzuschaffen, was sie für den Unterricht brauchen und schaut dann sehr genau, wie sich der Unterricht verändert, was sich bewährt. Wie auch immer, ich meine: Am Ende muss immer der Lehrer stehen, der entscheidet wohin das Geld für seinen Unterricht geht.

  4. Der kleine Haushaltstitel wird wohl kaum zu einer Revolution des Lehr- und Lernmittelmarktes führen. Er ist eher dazu geeignet, genau Deinem Vorschlag zu folgen und das Potenzial von OER mal genauer anzuschauen: Was gibt es schon, was bewirkt das und was braucht es, um für mehr digitale Bildung, aber auch für eine bessere, gerechtere und zeitgemäßere Bildung wirksam zu sein?

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