Wenig  bevor die OER-Studie der Technolgiestiftung Berlin veröffentlicht wurde, meldete sich eine Mitarbeiterin der Institution mit zwei Fragen bei mir. Die zielen treffsicher auf die Wertschöpfung von Bildungsmedienverlagen. Ich veröffentliche hier meine Antworten in leicht überarbeiteter Form.

Welche Hindernisse gibt es, existente Bildungsmaterialien als OER bereitzustellen?

Zunächst ein rechtliches: bei der Erstellung von Bildungsmedien (Schulbücher; Schulbuch-Kranzprodukte wie Workbooks, Lehrerbände, Vokabeltrainer, Whiteboard-Erweiterungen, Online-Diagnostik, Elternhandreichungen, differenzierende Materialien; Kopiervorlagen; Loseblattwerke; Fachzeitschriften; Fachbücher; digitale Tafelbilder usw. usw.) sind immer eine  Vielzahl von Urhebern beteiligt. Das sind in der Regel der Verlag mit seinen Redaktionen & externe Autoren & Illustratoren & Photographen & Drittrechtegeber (Photos, Texte, Grafiken, Videos, Musiksamples, für deren Nutzung man die Rechte erwirbt) & verschiedenste Verwertungsgesellschaften. Bildungsmedien sind ein margenschwaches Geschäft, hier verdient keiner großes Geld, einige Anbeiter sind am sterben. Das bedeutet: Man erwirbt von den Urhebern jenseits des Verlags nur die Rechte zur Verwertung ihrer Leistungen, wie man sie für die Umsetzung von konkreten Produkten braucht. Das heißt: Wenn ich von Madonna einen Liedtext für meine Kopiervorlage lizenziere, dann mache ich das z.B. nur für die geplante Auflage von 1000 Exemplaren. Wenn ich nachdrucke, dann lizenziere ich nach. Würde ich den Text für alle Auswertungsformen lizenzieren, wäre er unbezahlbar bzw. Madonna würde ihn mir wohl dafür nicht geben. In vielen Fällen – beim Schulbuch fast immer – gilt, dass auch externe Autoren und Illustratoren am Umsatz beteiligt, dass sie also pro bezahltes Exemplar vergütet werden. Damit wird auch klar, warum ein Verlag bestehende Inhalte nicht unter freier Lizenz herausgeben kann: Ihm gehören diese Inhalte ja nicht, sondern nur das Recht für bestimmte Verwertungsformen. Ich vermute übrigens, dass wenn Verlage sich von den anderen Urhebern das Recht einräumen lassen würden, ihre Leistungen unter freier Lizenz herauszugeben, sie diese pauschal für alle zukünftigen Nutzungsformen abgelten müssten. Und das käme einer verbotenen Pauschalabgeltung von Urhebern gleich. Aber darüber mögen sich Juristen Gedanken machen.

Und dann ein wirtschaftliches: Mein Bild ist, dass ich mit der Veröffentlichung von Bildungsmedien unter freier Lizenz keine Aussicht mehr habe, mit diesen Medien Erlöse zu erzielen. Ja, evtl. kann ich mit Dienstleistungen um diese Medien irgendwie Erlöse erzielen – Beispiele, wo das gelingt sind aber rar. Aber um Himmels Willen, warum sollte ich das dann tun? Der Witz eines Verlags liegt darin, dass er sehr häufig in den ersten Jahren nach dem Erscheinen eines Mediums damit kein Geld verdient, sondern erst einmal die Herstellkosten und Entwicklungskosten wieder reinverdienen muss. Da wir es mit echten Märkten zu tun haben, klappt das oft nicht, so dass die Verlage letztendlich mit den gutlaufenden Titeln von vorgestern das Geld verdienen, das sie für die Entwicklung neuer Produkte brauchen und mit denen sie die Verluste aus Flops ausgleichen. Ich habe bei meinen Verlagen keinen dabei, der aus seinen Neuprodukten auch nur die Herstell- und Vermarktungskosten aus dem ersten Jahr gleich im ersten Jahr reinverdient. Damit sind also noch kein Gehalt, keine Miete, also keine Gemeinkosten bezahlt. Bei Schulbuchverlagen dauert es häufig 5 bis 6 Jahre, bis man anfängt mit einem Titel etwas zu verdienen, da die Investitionen in die Millionen gehen. Da etwa ältere Inhalte als OER freizugeben, wäre vielleicht eine gute Tat, aber wirtschaftlicher Selbstmord.

Welche Hindernisse gibt es, zukünftig Bildungsmedien unter freier Lizenz zu veröffentlichen?

Im Prinzip können Sie das aus meinen Erläuterungen oben ableiten: Die Erstellung von Bildungsmedien auf unserem Niveau, mit ausgewählten Autoren, intensiver redaktioneller Eigenleistung, schwer zu findenden Illustratoren und gezielt ausgewählten Fremdrechten wäre unbezahlbar. Man müsste ja jedes Mitglied der Urhebergemeinschaft mehr oder weniger pauschal abgelten, damit man die Nutzungsfreiheit als Verlag einräumen kann – sofern die Urheber überhaupt dazu bereit sind. Und in den überwiegenden Fällen der Drittrechte werden sie das nie sein.

Dennoch könnte man sagen, dass ja nicht der Markt, also der einzelne Lehrer, die Eltern und natürlich die Fachlehrer und -konferenzen, die über das Medienbudget der Schulen verfügen, über den Erfolg oder Misserfolg eines Produktes entscheiden muss. Man könnte ja auch öffentliche Mittel in die Entwicklung von OER stecken und die  höheren Rechtekosten für eine Pauschalabgeltung in Kauf nehmen.  Wenn es so kommt, dann kommt es so. Die meisten Verlage werden daran zugrundegehen, ein paar werden als Agenturen weiterleben, die sich um die öffentlichen Ausschreibungen bemühen und dabei Erfolg haben. Es ist dann eben nicht mehr der Markt, der über Wohl und Wehe von Angeboten der Verlage entscheidet, sondern es sind Behörden und Komissionen, bei denen man mit der Beherrschung der entsprechenden Antragslyrik und mit anderen Kriterien (lieber dann von Universitäten und PHs, regionale Nähe, politische Zugehörigkeit, Gemeinnützigkeit usw.) für sich punkten kann. Wir erleben diese Entwicklung in Polen, Tschechien, Bulgarien, der Slovakei und nun auch in Ungarn. Unsere Häuser machen teilweise mit, weil sie überleben müssen. Aber schon jetzt können wir sagen: es ist nicht billiger für die öffentliche Hand und es ist ganz bestimmt nicht besser für Lehrer und Schüler.