Postheroischer Unterricht

Beiträge zur Entwicklung von Schule und Unterricht

Wo bleibt ein Picht unserer Zeit? Oder: Die deutsche Bildungskatastrophe

Bildungspolitisch stand Westdeutschland in den 60er Jahren am Abgrund. Bei der Lektüre der wegweisenden Artikelserie von Georg Picht, damals in ‘Christ und Welt’ erschienen, reibt man sich 50 Jahre später verwundert die Augen. Wie konnten wir der Katastrophe entgehen? Erschreckend ist, dass sich heute wohl kein Beobachter des Bildungssystems finden lassen dürfte, der es an analytischer Schärfe und rhetorischer Kraft mit Picht aufnehmen könnte.

Cover Georg Picht, Die deutsche Bildungskatastrophe

Georg Picht, Die deutsche Bildungskatastrophe. München: dtv, 1965

“Dem Bedarf von 300.000 Lehrern aller Schularten stehen im gleichen Jahrzehnt […] etwa 300.000 Abiturienten gegenüber – eine Zahl, die allein dem Lehrerbedarf genau entspricht. […] Nun braucht aber die Gesellschaft Ärzte und Pfarrer, Juristen, Naturwissenschaftler, Ingenieure und Architekten ebenso dringend wie Lehrer.” (S. 117 f.) Damit, dass nun alle Abiturienten Lehrer würden, war natürlich nicht zu rechnen. Konservativ geschätzt, tat sich für den Zeitraum von 1960 bis 70 eine Bedarfslücke von 180.000 Lehrern in den 11 westdeutschen Bundesländern auf. Gründe für den gewaltigen Bedarf waren vielschichtig: Die Schülerschaft sollte bis 1970 absehbar um 1,5 Mio. anwachsen, die Verlängerung der Pflichtschulzeit auf 9 Jahre würde sie um weitere 500.000 anschwellen lassen. Im gleichen Zeitraum stand für etwa 115.000 der damals 262.000 Lehrer der Ruhestand an.

Neben der Bedarfsfrage stellten sich weitere. Deutschland stand im internationalen Vergleich furchtbar da: “Die Zahl der Abiturienten bezeichnet das geistige Potential eines Volkes, und von dem geistigen Potential sind in der modernen Welt die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft, die Höhe des Sozialprodukts und die politische Stellung abhängig.” (S. 17) Für 1970 sagte die OECD voraus, dass Skandinavien oder Frankreich 19-22% eines Altersjahrgangs zur Hochschulreife bringen würde, während für Deutschland eine Quote von 6,8% taxiert wurde. Das bevölkerungsärmere Frankreich brachte die dreifache Menge an Abiturienten hervor und entsprechend Düster fiel die Prognose für Deutschland aus: “Der französische Soziologe Alfred Sauvy stützt darauf die überzeugende Prognose, daß Frankreich im Jahr 1970 das Zentrum von Europa sein wird. Hingegen wird die Bundesrepublik in naher Zukunft wegen der Rückständigkeit ihres Bildungswesens auch wirtschaftlich und politisch nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.” (S. 17)

Nicht minder erschreckend fiel der Vergleich der Abschlussquoten der Bundesländer aus. Picht bezieht die Frage der Bildungsgerechtigkeit zunächst nicht auf den sozialen Status der Eltern, sondern auf das Bundesland, in dem ein Kind beschult wird. 1960 brachte Schleswig-Holstein 24% seiner Schüler zur mittleren Reife, im Saarland gelang das nur mit 5%, in Baden-Württemberg nur bei 10,5% der Schüler. “Zur Zeit gibt es […] je nach der Zugehörigkeit zu einem Lande in der Bundesrepublik Staatsbürger erster bis vierter Klasse.” (S. 23) Noch krasser war das Gefälle beim Fremdsprachenunterricht in der acht- bzw. neunjährigen Volksschulzeit. Hatten in Berlin 73,6% der Kinder Zugang zu Fremdsprachenunterricht, oder immerhin 46,9% im Agrarstaat Schleswig-Holstein, erlernten in Bayern nur 6% der Schüler eine fremde Sprache, in Rheinland-Pfalz 1,7%. “Wenn ein Industrieland wie Nordrhein-Westfalen hinter armen Agrarländern wie Schleswig-Holstein und Niedersachsen so weit zurückbleibt, versteht man, weshalb im Jahr 1961 nur 6,2 Prozent der Studenten einen Arbeiter zum Vater hatten.” (S. 24 f.)

Für den heutigen Leser ist evtl. auch die Misere der Landschule eine Überraschung. Bei den ein- oder zweiklassigen unterrichtete entweder ein Lehrer alle acht Volksschulklassen oder zwei Lehrer teilen sie sich. Manche Orte leisteten sich Schulen mit 9 Schülern in allen Klassenstufen, während in anderen 60-70 Schüler in einer ersten Klasse saßen. Von diesen Landschulen gab es je nach Bundesland tausende, ihre Zahl hatte seit dem Krieg noch massiv zugenommen. Hier kamen ideologische Motive ins Spiel, die Picht aufs Korn nimmt: “Wer es für selbstverständlich hält, daß diese dem vorindustriellen Zeitalter entstammende Schulform im zwanzigsten Jahrhundert nicht mehr tragbar ist, sieht sich getäuscht. Sie findet leidenschaftliche Verteidiger, die es lieben, ein biedermeierliches Stilleben von der väterlichen Gestalt des Dorfschullehrers zu entwerfen, um den sich die Kinder wie in einer Familie scharen. Tatsächlich gehört wenig Phantasie dazu, um sich auszumalen, wie ein Unterricht aussehen muß, in dem ein Lehrer gleichzeitig acht Klassen in acht verschiedenen Lehrstoffen zu beschäftigen hat.” (S. 25)

Pichts Analyse geht zum Zustand der Schulbauten und dem gewaltigen Investitionsstau bei der schulischen Infrastruktur über: “Im Jahr 1961 fehlten nach der Bedarfsfeststellung 27.190 Klassenräume, 44.081 Sonderräume für den Fachunterricht und 17.229 Turnhallen und Gemeinschaftsräume.” (S. 29) Er errechnet den generellen Mittelbedarf, um die Bildungskatastrophe abzuwenden: “Der Jahresetat muß […] von 5,7 Milliarden (1961) auf […] 11,7 Milliarden erhöht werden. Außerdem müssen aber bis 1970 mindestens 50 Milliarden an einmaligen Investitionen für Schulbauten und Hochschulen aufgebracht werden.” (S. 32) Bei der Lektüre beschleicht einen der Eindruck, dass angesichts der desaströsen Verhältnisse des deutschen Bildungssystems der Zusammenbruch unvermeidlich gewesen sein muss.

Wie man im Kapitel “Rückblick” der von mir herangezogenen dtv-Ausgabe von 1965 erfährt, hat Picht seine Artikelserie in der Woche nach der Ermordung Kennedys konzipiert. In Kennedy sah er einen neuen Typus von Politiker, der mit einer wissenschaftlich informierten Politik tiefgreifende Veränderung der Verhältnisse zu vollbringen vermag. “Er stand den bisher unbekannten Realitäten, die in Zukunft die politische Materie bilden werden, näher als die Politiker, mit denen er es zu tun hatte, und musste deshalb ständig gegen die Trägheit überkommender Vorurteile kämpfen. […] Kennedy hatte begriffen, daß die Probleme des 20. Jahrhunderts nur durch neue Formen der Kooperation zwischen Politik und Wissenschaft gelöst werden können.” (S. 136) Dieser Richtung folgend, wird die Bildungskatastrophe und das politisch Notwendige zu ihrer Vermeidung als analytisches Problem jenseits politischer oder konfessioneller Überzeugungen deutlich. Das erfordert, die gewachsenen Realitäten eines föderalen Bildungssystems und die mit ihm bestehenden Probleme der Verwaltung und Planung mit zu erfassen.

Dreh- und Angelpunkt der Picht’schen Argumentation ist die schwache Rolle und mangelnde Initiative des Bundes in Fragen der Bildung. Doch viel klüger als die heute allzu häufig mit ahnungsloser Verwegenheit vorgetragene Forderung nach Zentralisierung von Bildungspolitik und -bürokratie, hat Picht einen Blick für die politische Wirklichkeit, in der keine Zeit für Phantasiedebatten bleibt: “Was muß geändert werden, damit in kürzester Frist jene Sofortmaßnahmen ergriffen werden können, ohne die unser Schulwesen nicht zu retten ist? Auf diese Frage hat unsere öffentliche Meinung eine einfache Antwort schon längst parat. Wir brauchen, so sagt man, ein Bundeskultusministerium und eine zentrale Kulturverwaltung. Wir brauchen deshalb eine Änderung des Grundgesetzes. Diese Schlagworte sind deshalb so populär, weil sich niemand etwas Genaues darunter vorstellen kann. Aber selbst wer diese Lösung für richtig hält, wird zugeben müssen, daß im Augenblick an eine solche politische Gewaltkur nicht zu denken ist.” (S. 33)

Hier wird eine Qualität der Analyse Pichts deutlich, die etwa unseren Debatten um die Schließung der Fachkräftelücke, der Stärkung von Inklusion in der Regelschule, der Entgliederung des Schulsystems oder der konsequenten Einführung digitaler Medien im Unterricht abgeht: der Sinn für das politisch und verwaltungstechnisch Mögliche. Ohne sich darin zu verlieren, legt Picht ein Netz von Verbindungen frei zwischen einer nicht zu leugnenden Misere, den dysfunktionalen Konstruktionen des Grundgesetzes, der Borniertheit von Landes- und Bundespolitik in Bildungsfragen, den innerparteilichen Gräben in SPD und CDU mitsamt sich im Guten wie im Schlechten hervortuenden Akteure. Eingeordnet werden Fragen der (katholischen) Konfessionsschule, der Verzahnung von Schul- und Hochschulpolitik, des Zustands der Lehrerbildung, der Besonderheiten einzelner Bundesländer, des Bedarfs an Planungsstäben und -kompetenz auf Landes- und Bundesebene und der verfassungsrechtlich gedeckten Möglichkeiten des Bundes, eben doch die Bildung in der Bundesrepublik mitzugestalten.

Auf dieser Grundlage lassen sich Eckpunkte von Reformen benennen, wie die Bildungskatastrophe doch noch abzuwenden ist (siehe S. 50-68). Der Schlüssel ist die Steigerung der Abiturientenzahlen. Das zu erreichen, erfordert eine realistische Änderung der bildungspolitischen Entscheidungsstrukturen, etwa durch die Schaffung einer Reihe von Organen, in der Bund und Länder produktiv zusammenarbeiten können. Die Lehrerbildung soll soweit reformiert werden, dass übergangsweise auch mit einer kürzeren Studiendauer unterrichtet werden kann. Überhaupt soll die strenge Trennung zwischen volksschulischer und gymnasialer Lehrqualifikation aufgehoben, der Lehrerberuf muss durch Aufstiegschancen attraktiver werden. Formen des Quereinstiegs müssen gestärkt werden. An die Stelle der Landschule muss die moderne Mittelpunktschule treten, damit in ländlichen Regionen endlich die gleichen Bildungschancen bestehen wie in den großen Ballungsgebieten. Wie immer, braucht es angesichts der schwierigen Finanzlage eine starke Rhetorik: “Die Mittel, die benötigt werden, sind so groß, daß von dem Volk die entsprechenden Opfer verlangt werden müssen. Ein Volk, das 1961 für Tabakwaren ebensoviel wie für seinen gesamten Schuletat ausgeben konnte (5,9 Milliarden) und das im Jahr 1963 allein für Tourismus im Ausland 7,2 Milliarden Mark übrig hatte, kann auch die Mittel aufbringen, die nötig sind, um sein Bildungswesen und damit seine Wirtschaft vor einem katastrophalen Rückgang zu retten.” (S. 67 f.)

Unsere mittlerweile 16 Bildungssysteme und ihr Zusammenspiel mit dem Bund sind in den letzten 50 Jahren wahrlich nicht einfacher geworden. Entsprechend erfordert jede länderübergreifende Veränderung einen gewaltigen politischen und verwaltungstechnischen Kraftakt. Wunschlisten mit der Zentralisierung des Bildungssystems, wenigstens der Abschaffung des Kooperationsverbots, der Vereinheitlichung von Schulsystemen, der Lehrerbildung, der Bildungspläne, mit der Finanzierung überfälliger digitaler Infrastruktur aus Berlin, lassen sich leicht aufstellen. Aber die (partei-)politischen, verwaltungstechnischen oder verfassungsmäßigen Ursachen der trägen Verhältnisse will kaum ein Bildungsjournalist oder -wissenschaftler vermessen. Für wirklich konstruktive Beiträge bräuchte es dafür einen Georg Picht unserer Zeit.

Epilog

In wie weit Pichts Philippika den Anstoß für die Rettung des bundesrepublikanischen Bildungssystems gab, lässt sich dem dtv-Band natürlich nicht entnehmen. Die rückblickende Einschätzung von Klaus Klemm, Yasemin Karakaşoğlu (sie scheint ein anderes Buch gelesen zu haben), Annette Schavan, Olaf Köller, Ewald Terhart und Jutta Allmendinger in der ZEIT vom 14. Februar 2014 zeigt ein eher gemischtes Bild.

2 Comments

  1. Lieber David Klett,
    Der letzte, der den Picht machte, war der Journalist Marco Maurer. Und das ging gründlich schief, weil die These, dass die Aufstiegsmöglichkeiten der 70er besser wären als heute, weil diese These nichts anderes als absurd ist angesichts einer Abi- und Atudienanfängerquote von 60 Prozent seit 2012. it is not a Picht-and-Jammer-Time, Meister Klett. Schon der nächste Sozialbericht, so meine These, wird dramatische Verbesserungen anzeigen. So wie es auch die Pisastudien tun. Insofern geht es heute um keine Generalabrechnung mehr, sondern um Detailsteuerungen – etwa die Veränderung des Unterrichtsarrangementsweg vom Heroischen. Thats it, und das dachte ich, käm bei Ihnen…
    Grüße aus Italien!
    Ihr, Christian Füller

    • David Klett

      25. Mai 2015 at 22:47

      Lieber Herr Füller, ich würde niemals wagen, Ihnen auch nur leise zu widersprechen, gestatte mir aber eine Anmerkung mit Einspruchscharakter. Bemerkenswert an Pichts Analyse scheint mir nicht ihre Grundsätzlichkeit und Radikalität, sondern seine Bereitschagt, die wie auch immer politischen, verwaltungstechnischen, finanzpolitischen usw. Verhältnisse gründlich in seine Vorschläge einzurechnen. Die Mühe scheint sich heute keiner mehr machen zu wollen und daher müssen wir uns täglich so viel naives Geschwafel ansehen, wenn es um Bildungssystemfragen geht. Herzlich grüßt Sie nach Italien, Ihr David Klett

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